Dr. Motte: Irgendwann wird es dann in allen Ländern Techno Paraden geben

Photo: Petrov Ahner
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Dr. Motte ist zweifellos eine Ikone und lebende Legende der weltweiten Techno-Szene. Der DJ, Produzent und Remixer mit Avantgarde-Hintergrund ist der Schöpfer des größten Kulturfestivals für Musik, Toleranz und Liebe, das die Welt je gesehen hat: die Love Parade. Er bleibt seinen Idealen treu, den Idealen von Underground, der seit Jahrzehnten sein Zuhause ist. Durch seinen bewusst gewählten Lebensweg ist Motte auch ein Friedensaktivist und kümmert sich wie kein anderer um die Erhaltung und Entwicklung der elektronischen Musikkultur. Im Jahr 2019 kehrte er mit dem Konzept von Rave The Planet - "eine neue Parade für eine neue Ära" - zurück, das im Juli 2022 in Berlin stattfand. Neben der Organisation einer Straßenparade strebt Rave The Planet die Aufnahme der Technokultur in die Liste des immateriellen Kulturerbes der UNESCO an. Lesen Sie das neueste Exklusivinterview mit Dr. Motte!

Love Parade – ein zeitloses Phänomen und eine Legende

Artur Wojtczak: Die Love Parade ist und bleibt eines der wichtigsten Ereignisse in der Geschichte der Technokultur. Tausende / Millionen von Menschen kamen zu dieser Veranstaltung, obwohl sie mit einer 150-köpfigen Demonstration begonnen hat. Hast Du damals damit gerechnet, dass Du wahrscheinlich etwas Zeitloses schaffen würdest?

DR. MOTTE: In erster Linie ging es um die Freude aller damals Beteiligten, die Idee einer Streetparty mit dem Namen Loveparade als Demonstration am 1. Juli 1989 umzusetzen. Da ist ein kosmischer Funke in alle eingefahren und der hat uns ganz schön viel Energie gegeben. Wir waren sehr euphorisch damals. Es gab aber auch die Vision, die Loveparade jedes Jahr zu wiederholen und das andere in anderen Ländern davon inspiriert werden, es uns gleich zu tun. Irgendwann wird es dann in allen Ländern Techno Paraden geben und irgendwann werden dann alle Menschen da zusammen miteinander tanzen und dann wird daraus Weltfrieden entstehen, weil vielleicht alle erkennen werden, daß sie alle Teil einer großen Familie sind, nämlich die Familie der Menschen. Techno bringt Frieden.

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Foto: Petrov Ahner

Rückkehr der Parade nach Berlin

Wann genau wurde das Konzept für die „Wiederauferstehung” der Veranstaltung als Rave The Planet entwickelt? Wann bist Du auf die Idee gekommen?

Die Idee der Wiederauferstehung der Loveparade in Berlin gab es bereits 2012. Wir hatten dafür auch einen Verein in Berlin gegründet. Die Idee war damals schon, wir bringen den Spirit der Loveparade nach Berlin zurück und machen aus Techno ein immaterielles Kulturerbe. Allerdings wurde der Verein von uns ein paar Jahren später wieder geschlossen. Wir wurden von einem „Maulwurf” in allen Bereichen der Art gestört, daß wir nicht mehr arbeitsfähig waren. Auch damals war schon Ellen meine Frau federführend mit dabei. Zu den Vorbereitungen der Sonderausstellung „30 Jahre Loveparade” in der „Nineties Berlin” Ausstellung 2019, in der „Alten Münze” in Berlin, kamen wir wieder auf die Idee, das neu umzusetzen, und dann ging alles sehr schnell. Leider hat die Pandemie und ganz schon zu schaffen gemacht.

Erster Rave The Planet ein großer Erfolg

Die Reaktivierung der Berliner Parade als Rave The Planet im vergangenen Jahr war ein großer Erfolg. Statt der geplanten 30.000 Raver waren es zehnmal so viele Teilnehmer mit dabei. Hattest Du Angst bzw. Stress , die Parade im Juli 2022 zu eröffnen?

Ja, Krass!. Ich würde es nicht als Stress bezeichnen. Wir hatten uns im März 2022 dazu entschieden, dass wir das mit der Rave The Planet Parade für 2022 endlich umsetzen wollten. Andere Paraden hatten in Berlin 2021 auch schon wieder stattgefunden. Wir haben es dann einfach beschlossen und dann diesen Wahnsinn abgearbeitet. Es gab wirklich sehr sehr viel zu tun. Wir sind dann mit dem Computer eingeschlafen und mit dem Computer wieder aufgewacht. Wir haben das alles mit einem sehr kleinen Team durchgezogen und 4 Monate durchgearbeitet. Eine sehr intensive Zeit. Hier mein Dank an Ellen, Claudi, Timm, Angelo, Tomasz, Martin, Sebastian und alle freiwilligen Helfer und Unterstützer und Supporter, sowie Polizei, Hilfsdienste, Feuerwehr und allen finanziellen Unterstützer! Wir haben es geschafft, sagen sehr viele Teilnehmer der Parade, wir haben den Spirit der Loveparade wieder nach Berlin gebracht.

Das wichtigste Fazit nach dem ersten Rave the Planet war der Satz „ Spirit of Love Parade ist definitiv zurück”! Ist dies der größte Erfolg der Veranstaltung?

Wir haben genau zugehört. Hatten viele Vorgespräche und Diskussionen mit und in der Szene in Berlin. Es gab auch Kritik und Zweifel ob das nötig ist usw. Wir wollten das dann auch so umsetzen. Back to Basics. Die Geschichte der Loveparade weiter erzählen. In der Öffentlichkeit und in den Straßen von Berlin, die Tradition der Mutter der Technoparaden wieder zu beleben. Nicht nur für unsere Ziele zu demonstrieren, sondern auch unser zusammen sein mit unserer Musik zu demonstrieren. Wir sind ja eine non-verbale elektronische Musikkultur. Es war für uns alle eine große Herausforderung. Und es war gut und hat sich Richtig für alle angefühlt.

Techno hat mehr für das deutsch-polnische Verständigung getan als mancher Politiker

Während der Konferenz in Warschau – noch vor der Parade – habe ich Dir ein Exemplar des Buches ’30 Years of the Polish Techno Scene’ überreicht, in dem viele DJ’s, Produzenten oder Clubgänger auch über ihre Besuche auf der Love Parade berichten und wie sie später ihre musikalische Entwicklung oder sogar ihre Karriere beeinflusst haben. Du sagtest damals – und ich wiederholte es während meiner Rede auf „Polish Float” in Berlin – dass die Techno-Musik mehr für die polnisch-deutsche Verständigung getan hat als mancher Politiker…. Wie können wir diese Werte weiter pflegen und verbreiten?

Danke Artur, daß Du dabei gewesen bist, in Berlin am 9. Juli 2022. Ich finde es sehr interessant, welche Kraft in diesen Werten dieser Kultur liegt. Es besteht ein großes kulturelles Interesse. Selbst nach 2 Jahren Pandemie, mit kaum stattfindenden Events, Auftritte für Künstler und offenen Clubs für Besucher. Es besteht ein großes Bedürfnis für die Parade. Im hier und Jetzt. Und weil jeder es in sich trägt und das mit allen teilt, sind alle geeint und alle eins. Das ist etwas ganz besonderes. Das spüren alle Menschen, egal von wo sie kommen, welche Hautfarbe sie haben oder Religion und so weiter. Das habe ich auch in meiner Rede zur Eröffnung der Parade gesagt.

fot. A.Wojtczaks Archiv

Die letztjährigen Plattformen im RTP waren musikalisch und kulturell vielfältig: Techno, House-Klassiker, aber auch Hardcore Tracks wurden von den DJ’s aufgelegt. Viele Queer / LGBTQ+-Personen waren zwischen in dem Party-Crowd vertreten. Was ist der Schlüssel für die Auswahl der Teams für 2023?

Eigentlich ist es ganz einfach. Die Loveparade in den 1990ern in Berlin war schon immer die Plattform für die Darstellung der Gegenwartskultur der elektronischen Musikkultur als Tanz-Demo. Das war und ist der Internationale Feiertag dieser Kultur. Diese Geschichte wollen weitererzählen. Techno ist ja das Haupt-Genre und hat sehr viele Subgenres und die unterscheiden sich nicht nur im Stil, sondern auch durch Länder und Städte. Lodz hört sich z.B. ganz anders an als Berlin. Es geht doch um Authentizität und niedrigschwelligen Zugang für alle die Lust darauf haben. Jeder ist willkommen. Wir schauen dann uns alle Anmeldungen zur Parade genau an, um zu entscheiden ob es sich um einen Teilnehmer aus der Techno Kultur handelt oder nicht.

Das Motto für die Parade im nächsten Jahr wurde soeben bekannt gegeben: „Music Is The Answer”. Wie viele Diskussionen habt hr als Team geführt um die Entscheidung zu treffen? Wolltet ihr mit diesem Satz die überragende Rolle der Musik in einer Welt voller Politik unterstreichen?

Wir hatten viele Ideen für das Motto der Rave The Planet Parade 2023. Nach dem wir uns mit dem Team getroffen und darüber Diskutiert hatten, kamen wir zu „Music is the Answer”. Ich zitiere mal aus unserem letzten Rave The Planet Newsletter: „Rave The Planet” ist unser Mission-Statement. Elektronische Tanzmusik hatte und hat die Power die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Sie bringt uns friedlich zusammen, ohne einen Unterschied zu machen. Technoparaden sind offen und frei zugänglich für alle Menschen, egal welche Nation, Religion, Hautfarbe, geschlechtliche Zuordnung, soziale Herkunft und so weiter. Musik ist unsere gemeinsame Sprache und unser Mittel der Verständigung. Der Beat lässt viele Herzen gemeinsam, wie einen schlagen und macht es damit möglich, das Trennende zu überwinden und das Verbindende zu stärken. Das ist die Grundlage für Frieden. Darum: Nicht reden – tanzen! Music is the answer!” Weitere Infos zu Rave the Planet Parade findet ihr auf www.ravetheplanet.com

Wird euch der Erfolg des letzten Jahres dazu ermutigen, um eine Demonstration fuer – sagen wir – einer halben Million Teilnehmern zu planen?

Für uns steht fest, wir haben einen Auftrag. Nächster Termin und in allen zukünftigen Jahren ist immer der zweite Samstag im Juli. Wir sehen uns also dann 8. Juli 2023 in Berlin. Wir sind eine gemeinnützigen, spendenbasierte Organisation und können für die Umsetzung der Parade auch immer Hilfe gebrauchen. Über www.ravetheplanet.com könnt ihr uns mit Spenden helfen oder Euch als freiwillige Helfer beteiligen. Vielen Dank im voraus.

Photo: Helena Majewska

Gigantische Popularität der elektronischen Musik

Elektronische Musik ist eines der beliebtesten Genres der Welt und vereint so unterschiedliche Subgenres wie House, Techno, Dubstep und EDM. Kann diese Popularität – von der vor 30 Jahren wahrscheinlich niemand auch nur geträumt hat – die Qualität der Musik gefährden? Die Menge an Tracks, die wir täglich von Traxsource oder Beatport herunterladen können, ist gigantisch!

Mich erschlägt diese Menge an verfügbaren Tracks. Was wirklich wichtig ist, was macht der DJ, Liveact, Club oder Veranstalter daraus. Durch die Pandemie der letzten 2 Jahre hat sich sehr viel verändert. Die jungen Menschen die in dieser Zeit nicht in die Clubs konnten, haben sich dann selbst organisiert. Daraus haben sich viele neue DJs und Techno Acts und neue Musik entwickelt. Ich persönlich mag das werbefreie Bandcamp sehr gerne. Dort bekommen Musiker 80% des Verkaufs, weil Bandcamp eine „Fair Trade Music Policy” hat.

Was hält Berlin von der Parade?

Berlin gilt immer noch als die wichtigste Techno-Stadt und die ganze Welt vergleicht sich mit ihr. Und wie wird Rave The Planet als Event von den Berlinerinnen und Berlinern betrachtet, beurteilt? Denn wahrscheinlich gibt es sowohl Befürworter als auch Gegner dieser Initiative, oder?

Das ist doch immer so. Wenn Du was machst, dann gibt es immer Leute, die das gut oder schlecht finden. Das läßt sich nicht ändern. Wir von Rave The Planet möchten eine bessere Akzeptanz der Technokultur in der Gesellschaft, mit dem was wir machen, erreichen.

Ich bin dankbar, dass ich so ein schönes Leben führen kann

Als ich mich einmal mit Sven Marquardt von Berghain in Warschau unterhielt, fragte ich ihn, ob es den Berlinern genauso geht wie den New Yorkern: Wo sie auch hingehen / reisen, „suchen sie überall nach New York”und seinen Eigenschaften. Geht’s Dir genauso?

Ich denke, wenn ich in New York City, New York City suche, mache ich irgendwas falsch. Dann bin ich nicht wirklich in New York City, sondern in einer Illusion von New York City, weil ich dann irgend etwas erwarte und bin dann vielleicht traurig, weil meine Erwartungen nicht erfüllt werden.
Ich habe keine Erwartungen. Ich reise immer offen und entspannt. Ich weiß ja nicht was mich erwarten wird. Ich möchte entdecken und kennenlernen. Klar macht es einen unterschied ob ich mich vorbereite oder nicht. Ob mir jemanden die Stadt zeigen kann. Ob ich alleine reise oder ob ich privat reise oder beruflich. Ich bin ja seit 1992 auf Tour und war wirklich schon in sehr vielen Städten und Ländern. Das war immer toll. Ich sage auch regelmäßig danke an das liebe Universum, der Mutter Erde und Vater Sonne, daß ich ein so schönes Leben leben kann.

Gigs in Polen

Wann wirst Du wieder in polnischen Clubs auflegen? Gibt’s bereits Daten von den Gigs in unserem Land?

Ich kann mich noch an meinen ersten Gig in Stettin erinnern. Das war in einer Sporthalle. 1993 oder so. Das war der Wahnsinn. Alle haben 4 Stunden lang geschrien und mir ihre naß-geschwitzten T-Shirts zugeworfen, als ich am Musik machen war. Ich freue mich sehr, daß ich dieses Jahr wieder viel Zeit mit meinen polnischen Freunden verbringen kann. Meine kommenden Termine stehen alle auf meiner Webseite www.drmotte.de.

Hier ein paar Dr. Motte- Gigs in Polen:

  1. Februar – XOXO, Bielsko Biala
  2. März – Bass Planet, Stettin
  3. März – Euforia Dźwieku @ B90, Danzig
  4. März – Stara Przepompownia, Ostrów Wielkopolski

Wir waren es, die während der Parade MAKE FRIENDS NOT WAR in den Himmel über Berlin geschrieben haben!


In den Straßen Berlins feierten mehrere hunderttausend Menschen Freiheit, Gleichheit, Freundschaft und gegenseitigen Respekt. Dies sind die Ideen der legendären Love Parade, die Jahre später als Rave the Planet zurückkehrte – ein großes Fest der elektronischen Musik und der Clubkultur. Als Menschen, die ihr Leben dieser Kultur verschrieben haben und Leidenschaft zu ihrem Beruf gemacht haben, identifizieren wir uns voll und ganz mit den ihr zugrunde liegenden Werten. Deshalb haben wir neben dem Feiern nicht vergessen, was in Europa jenseits der polnischen Ostgrenze geschieht.

Während eine bunte, tanzende Menschenmenge durch die Straßen Berlins marschierte, kämpften ukrainische Bürger und Staatsangehörige um Leben und Freiheit in einem Land, das von Russland brutal angegriffen wurde. Wir haben beschlossen, die gigantische Ladung an Liebe, Wärme und Empathie auf den Straßen Berlins zu nutzen, um alle daran zu erinnern, dass ein paar hundert Kilometer entfernt ein Krieg stattfindet, bei dem unschuldige Menschen ihr Leben verlieren. Und um Solidarität mit der Ukraine zu zeigen.

MAKE FRIENDS, NOT WAR

Während Rave The Planet über Berlin – einer Stadt, die große Tragödien erlebt hat, aber auch Lehren aus der Geschichte gezogen hat und als europäisches Symbol für Freiheit, Frieden und Respekt gilt – 'flog’ unser Flugzeug den Slogan ’MAKE FRIENDS NOT WAR. Wir wissen, dass man mit Slogans keine Kriege gewinnt, aber wir glauben, dass diese symbolische Unterstützung von Tausenden von Menschen, die sich zur Freiheit als oberstem Wert bekennen, auch in der Ukraine wahrgenommen werden und spürbar sein wird. 

Wir glauben, dass es bei Rave The Planet, der Clubkultur und Medien wie Muno.pl um mehr als nur Musik geht. Deshalb wollen wir häufiger und mutiger denn je über die Phänomene sprechen, die unser Leben, die Realität um uns herum und unsere Zukunft beeinflussen. Von einem Ort aus, an dem die Augen der gesamten Musik- und Clubwelt auf uns gerichtet sind, sagen wir: MAKE FRIENDS NOT WAR.

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